Sicher stehen auf der A 40
Ein persönlicher Reisebericht von und für Qualitätsprüfende – und alle Interessierten
Alle, die beruflich oft unterwegs sind, kennen sie: Diese ganz besonderen Morgen, an denen der Tag schon im Stau beginnt. Als Qualitätsprüfende erleben wir es häufig. Und vor allem in Nordrhein-Westfalen in besonderem Maße. Einer unserer Prüfer hat einen realitätsnahen „Reisebericht“ geschrieben.
Vielleicht erkennen Sie sich selbst in dieser Beschreibung wieder? Viel Spaß beim Lesen.
Sicher stehen auf der A 40
Für Autofahrten im Ruhrgebiet ist eine mental gefestigte Verfassung von Vorteil. Sonst würde man an den zahlreichen Staus, Sperrungen und zu vielen Autos auf zu wenig Straße schier verzweifeln.
Neulich kam im Radio die Mitteilung, dass über 40 Prozent der Staus in Deutschland auf NRW entfallen. Wenn man die ländlichen Regionen unseres Bundeslandes abzieht, bleiben das Ruhrgebiet und der Raum Köln/Düsseldorf übrig, wo die Staus zu Hause sind.
Unter „praktische Tipps für Berufspendler“ las ich kürzlich: „Wenn möglich, Abfahrt vor 6:30 Uhr oder nach 9:00 Uhr legen bzw. Rückfahrt vor 15:00 Uhr oder nach 18:30 Uhr.“
Prima, dachte ich: Danke für die Info. Und so setze ich mich allmorgendlich ins Auto, gewappnet mit frischem Kaffee im Thermobecher und ordentlichem Zeitpuffer. Und los geht die flotte Fahrt bis zur ersten großen Kreuzung. Schon ist Schluss mit schön fahren. Zäh quält sich die müde Blechlawine zum Autobahnzubringer, wo dann das erste Mal ausgiebig gestanden wird. Langsam, aber sicher geht es dann immer tiefer in den Ruhrgebiets-Schleichverkehr. Nicht umsonst bezeichnen Einheimische die A 40 fast zärtlich als „den längsten Parkplatz des Ruhrgebiets“.
Stehen auf allen Fahrstreifen wechselt sich ab mit meterweisem Aufrücken. Auf der Nebenspur die junge Frau im Golf, die verschlafen dreinschaut. Ob sie wohl zur Uni will? Hinter ihr ein angestrengt wirkender Vertreter in seinem Dieselkombi, der gerade seine Büroarbeit auf dem Beifahrersitz zu erledigen scheint. Rechts von mir ein Trupp Bauarbeiter in ihrem Kleintransporter. Die scheinen morgens um acht schon hellwach und in bester Stimmung. Dem hohen Stimmungslevel entsprechen bestimmt auch die Feinstaubwerte in ihrer Kabine - bei mindestens drei Rauchern, die ich zähle. Nein, allein Fahren ist auch nicht schlecht.
Plötzlich zieht ein Coupè vor mir nach links auf meine Fahrspur. Einer dieser Stauspringer, die versuchen den Geschwindigkeits-Index zu schlagen. Mit Rettungsgasse haben die meistens nichts am Hut. Für den schnellen Spurwechsel bleibt man lieber mittig.
Dann wird es dunkel im Rückspiegel. Ein großer SUV hat sich hinter mich gesetzt und sieht so aus, als wolle er mich im nächsten Moment anspringen. Warum kaufen sich die Leute bloß Autos, die so schlecht gelaunt aussehen? Vorbei scheinen die Zeiten niedlicher Twingos, Micras und wie sie alle hießen. Autos, die mit lächelndem Antlitz durch die Welt fuhren. Naja, früher war auch nicht alles gut, denke ich beim Anfahren, und würde dem Erfinder des automatischen Getriebes gerne mal einen Kaffee ausgeben. Das Gratis-Wadenmuskeltraining im alten Crossland vermisse ich nicht.
Und irgendwann kommt meine Abfahrt. Hinein in die Stadt und Parkplatz suchen. Das ist dann eine andere Geschichte.
Nachmittags nach der Qualitätsprüfung: die Staunummer in umgekehrter Richtung. Am Ende des Tages werde ich das alles in die Zeiterfassung schmerzfrei unter „Fahrzeit“ eingeben. Lange vorbei sind die Zeiten, wo mich dabei ein schlechtes Gewissen beschlich - so viel Fahrzeit für so wenig Kilometer - das glaubt dir doch kein Mensch, dachte ich in der Anfangszeit beim Prüfdienst.
Zu Hause angelangt, schließlich die Frage: „Na, bist Du gut durchgekommen?“ Ich höre mich antworten: „Nicht gut, aber sicher.“ Nebenbei: Den Spruch „sicher stehen auf der A 40“ hat eine ehemalige Kollegin aus dem Ruhrgebiet geprägt.